Portrait: Fariba Olschak

Wenn Fariba Olschak über ihren Beruf spricht, beginnen ihre Augen zu leuchten. Als sozial hätte sie ihre Tätigkeit auf den ersten Blick aber nicht bezeichnet. Auf den zweiten dann schon eher. Denn als Leiterin des Projekts „Kompetenzcheck und berufliche Integration“ bei ABZ* AUSTRIA berät sie Frauen mit Migrationshintergrund bezüglich ihrer beruflichen Entwicklung.

Kompetenzen erkennen, benennen und einsetzen

„Wir erheben die Kompetenzen der Frauen, machen diese sichtbar und nehmen gemeinsam eine Perspektivenplanung vor, um zu sehen: Was bringe ich mit? Wo will ich hin? Was brauche ich, um dorthin zu kommen?“, klärt Fariba Olschak über das Projektziel auf. Was als Pilotprojekt startete, ist längst zu einem festen Bestandteil von ABZ* AUSTRIA geworden. Eine der größten Herausforderungen, denen Fariba Olschak in der Beratung regelmäßig begegnet ist, dass sich viele der Frauen ihrer Kompetenzen gar nicht bewusst sind. Auf die Frage, was sie denn bisher gemacht hätten, ist „Nichts!“ eine der häufigsten Antworten, die das Team zu hören bekommt. Meistens ist aber das Gegenteil der Fall. Denn im weiteren Verlauf des Gesprächs zeigt sich zum Beispiel, dass die Frauen in ihren Herkunftsländern für das ganze Dorf Kleidung genäht oder für über 200 Menschen gekocht haben. Die Projektleiterin weiß: „Die Frauen sehen das als selbstverständlich an und nicht als Kompetenz, mit der sie in den Arbeitsmarkt einsteigen können.“ Darum fällt vor der eigentlichen Beratung nicht selten etwas anderes an: das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken und gemeinsam ihr bisheriges Schaffen zu reflektieren. „Dabei geht es nicht nur um Formalkompetenzen, wie die Schulbildung oder das Studium. Bei vielen Frauen, vor allem aus Afghanistan, geht es besonders darum, was sie innerhalb des Familienverbands gemacht haben.“ Wertigkeit und Selbstwert sind deshalb rasch zu zwei wichtigen, integralen Bestandteilen des Kompetenzchecks geworden. Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist das wechselseitige Vertrauen von Teilnehmerinnen und Trainerinnen. Viele der Frauen, die zu ABZ* AUSTRIA kommen, haben einen schwierigen Weg hinter sich. Darüber zu sprechen, fällt ihnen nicht leicht – hier ist Mut gefordert. Zumal es schwierig genug ist, in der eigenen Sprache über traumatisierende Erlebnisse und Gewalt zu sprechen. In einer fremden Sprache ist das Ausdrücken der Gefühle, Ängste und Hoffnungen noch schwerer, weiß Fariba Olschak.

Mehrsprachiges Angebot

Um diese Barriere zu beseitigen, wird die Beratung in mehreren Sprachen angeboten: „Das Besondere beim Kompetenzcheck ist, dass es erstmalig in Österreich ein Projekt in der Muttersprache der Frauen ist. Wir haben mit Dari und Farsi begonnen und konnten unser Repertoire nun auch um Arabisch erweitern. Unsere Trainerinnen sprechen sowohl Deutsch als auch die jeweilige Sprache der Teilnehmerinnen. Die Unterlagen sind trotzdem alle auf Deutsch und wir übersetzen gemeinsam in der Gruppe – so wird gleichzeitig gelernt.“ Im Gruppensetting werden informelle Kompetenzen ausgearbeitet. Hier stehen das österreichische Bildungssystem, das Gesundheitssystem und kulturelle Unterschiede wie die Deutung einzelner Gesten am Tagesprogramm. Ein großes Thema sind auch Frauenrechte: „Für viele Frauen ist es neu, dass sie ein Recht darauf haben zu arbeiten.“ In den Einzelgesprächen wird dann an den individuellen Kompetenzen jeder Frau gearbeitet. Welche Ausbildungen werden in Österreich anerkannt? Was sind die formalen Qualifikationen? Denn auf der Flucht ist die Mitnahme von Studienabschlusszeugnissen schlicht und einfach keine Priorität, wie Fariba Olschak zu betonen weiß. Das Feedback der Frauen bestärkt das Team in seiner Vorgehensweise. Die Teilnehmerinnen sind vor allem erleichtert und dankbar, auch in ihrer Muttersprache sprechen zu können. Das stärkt nicht zuletzt das Vertrauen gegenüber den Trainerinnen.

Doch es ist auch nicht immer leicht, das Gehörte zu verarbeiten. „Die Geschichten, die wir hier hören, sind teilweise wirklich furchtbar und unvorstellbar. Wir reden im Team darüber und haben auch Supervisionsstunden. Was uns hilft, ist im Kopf zu behalten: Wir hören zu, es tut den Frauen gut, drüber zu sprechen, aber wir erkennen unsere Grenzen. Wir sind keine Therapeutinnen und ermutigen die Frauen auch dazu, diesbezüglich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir haben zudem eine Art Ritual, bevor wir nach Hause gehen. Wir versuchen alles Gesagte abzustreifen und hier zu lassen. Das gelingt natürlich nicht immer – das ist ganz klar“, zeigt Fariba Olschak die Herausforderungen ihrer Tätigkeit auf.

In der Praxis Berufsfelder kennenlernen

Sind die Qualifikationen und Wünsche der Frauen erst einmal geklärt, haben sie die Möglichkeit, im Zuge eines Praktikums in neue Berufsfelder hineinzuschnuppern, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie das Arbeiten in Österreich in der Praxis aussieht. Hier arbeitet ABZ* AUSTRIA eng mit verschiedenen Institutionen zusammen. Die meisten der Schnupperangebote können sie in „klassischen“ Frauenberufen anbieten, wie beispielsweise im Bereich der Pflege. Doch besonders in technischen Berufen und im IT-Sektor würde sich das Team Kooperationspartner wünschen, wie die Projektleiterin berichtet. Viele der geflüchteten Frauen haben eine Ausbildung im IT-Bereich, die aber nicht den europäischen Standards entspricht. Gerade hier wäre es für die Teilnehmerinnen wichtig, einen Eindruck davon zu bekommen, wie die IT-Branche in Österreich operiert und welche Fähigkeiten sie sich noch aneignen müssten, um in dieser beruflich Fuß zu fassen, erklärt Fariba Olschak.

Freude an der Arbeit mit Menschen

„Was in Österreich und vielen anderen Ländern passiert, ist, dass Menschen mit Qualifikationen zu uns kommen, die nicht gleich sichtbar sind, und sie aufgrund des Drucks, schnell arbeiten zu müssen, dann in Berufen wie Reinigungsarbeit oder als Küchenhilfe beginnen. Sie sollten die Zeit bekommen, in ein bis drei Jahren in einem Bereich zu arbeiten, wo die Qualifikation passt. Ein wichtiges Ziel des Projekts ist es daher, dass die Frauen bei uns nicht aus den falschen Gründen in niederschwellige Tätigkeiten hineingeraten.“ Fariba Olschak weiß, dass es oft Jahre dauern kann, bis man die Sprache beherrscht und dadurch auch seine Qualifikationen aufzeigen kann. Dann ist es aber oft schon zu spät, um in den angestrebten Bereich zu wechseln. Deswegen, betont sie, ist es so wichtig, schnell und effizient einen Plan zu erstellen, um einer qualifizierten Tätigkeit nachgehen zu können. Das übergeordnete Ziel von ABZ* AUSTRIA ist es, dass die betreuten Frauen möglichst nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert werden und mit ihrem Beruf glücklich Fariba Olschak selbst hat die Tätigkeit, die sie glücklich macht, bereits gefunden. Doch dass sie einmal in einem sozialen Beruf landen würde, das hätte sie sich am Anfang ihres Studiums nicht gedacht. Denn eigentlich ist Fariba Olschak Technikerin. Eine Technikerin, die sich schon während ihres Studiums der Wirtschaftsinformatik eingestehen musste, dass das nichts für sie ist. Mit einem breiten Grinsen erzählt sie, dass sie das Studium dennoch durchgezogen und auch einige Jahre im technischen Bereich gearbeitet hat. Doch auch, dass das Arbeiten mit Menschen ihr die größte Freude bereitet, fiel ihr schon während des Studiums auf, nämlich als sie als EDV-Trainerin tätig war. Aus diesem Grund kehrte sie schließlich auch in diesen Bereich zurück. Viele Jahre konzentrierte sie sich in ihrer Arbeit auf die Schwerpunkte berufliche Rehabilitation, Alphabetisierungskurse und Deutschprojekte. Gerade als sie überlegte, sich noch einmal beruflich umzuorientieren, kam das Angebot von ABZ* AUSTRIA. „Da konnte ich einfach nicht nein sagen“, erzählt Fariba Olschak lachend. Der Reiz, etwas in der Muttersprache zu tun und den vielen Geflüchteten dabei zu helfen, eine neue Perspektive zu finden, hat sie dann schließlich zum Projekt „Kompetenzcheck“ gebracht. Die gebürtige Iranerin, deren Muttersprache Farsi ist, war aus naheliegenden Gründen die ideale Besetzung für das anfängliche Pilotprojekt.

Doch was macht gerade für einen technisch denkenden Mensch die Arbeit mit Menschen aus? „Einerseits ist es das Feedback, das ich unmittelbar bekomme. Im Sozialbereich gibt es diesen direkten Kontakt zu Menschen und man sieht sehr schnell, ob der Plan aufgeht, den man gemeinsam entwickelt hat. Der Arbeitsschwerpunkt mit Frauen war für mich neu bei ABZ* AUSTRIA – hier habe ich noch mehr das Gefühl, dass ich etwas verändern kann und muss. Wir können vieles theoretisch besprechen, was auch sehr wichtig ist, aber es muss auch praktisch etwas getan werden. Es sind genau diese kleinen Schritte, die dann auch etwas Großes bewirken.“

„Was als nächstes kommt, kann ich noch nicht sagen. Wir werden sehen, auf welche Ideen die Frauen uns noch bringen!“

Der Wirkungsbereich beim Kompetenzcheck endet für Fariba Olschak nach sieben Wochen. Nach dieser Zeit verlassen die Frauen ABZ* AUSTRIA mit einer Empfehlung an das AMS. Oft sind es die besagten kleinen Schritte, die die Frauen an ihr Ziel bringen. Das kann für die eine die Umschulung auf eine neue Nähmaschine sein, mit der sie ihrem Traum der Änderungsschneiderei näherkommt, für die andere eine Kurzaus-bildung im Bereich Labortechnik. Doch sobald eine Gruppe ABZ* AUSTRIA verlässt, wartet schon die nächste auf ihre Chance auf Integration am Arbeitsmarkt. In den letzten Jahren haben die Trainerinnen so 1200 Frauen begleitet. Fünf Gruppen mit bis zu zwölf Frauen werden dabei zeitgleich betreut. Wie sich das Angebot weiterentwickelt, bestimmen nicht zuletzt die Frauen selbst, denn sie liefern den Trainerinnen und Projektleiterinnen immer wieder neuen Input und zeigen Entwicklungspotentiale auf. „Die Frauen bringen uns immer wieder auf neue Ideen. Da müssen wir natürlich auch realistisch bleiben: Was können wir machen? Was ist tatsächlich sinnvoll? Wir versuchen ein ganzheitliches Paket für die Frauen zu schnüren.“ Auch bezüglich der zukünftigen Entwicklung des Programms zeigt sich Fariba Olschak gespannt und offen: „Was als nächstes kommt, kann ich noch nicht sagen. Wir werden sehen, auf welche Ideen die Frauen uns noch bringen!“

 

Der Beitrag ist in der ersten Ausgabe von social attitude erschienen.

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