Portrait: Henrie Dennis

Die Organisation AfroRainbow Austria ist Österreichs erster und einziger Verein von und für LGBTQI-Personen mit afrikanischer Herkunft. Ihre Gründerin Henrie Dennis erzählt, wofür die Organisation steht, welche Kämpfe sie führt und wo die Anfänge des Vereins liegen.

Das Büro von Henrie Dennis ist immer und überall. So ist es  stets dort, wo es gebraucht wird. Deshalb steht sie  gerade in einer verregneten Straße mitten im 9. Bezirk. Hier findet heute ein Interview und somit Öffentlichkeitsarbeit statt. Henrie Dennis ist Gründerin von AfroRainbow Austria und die Organisation lebt von und für die Öffentlichkeit. „AfroRainbow Austria ist die erste und einzige Organisation für und von LGBTQI-Personen afrikanischer Abstammung“, erzählt Henrie Dennis leise. Sie blickt prüfend durch die Gläser ihrer Brille und fügt hinzu: „Eigentlich geht AfroRainbow Austria viel weiter als eine Organisation. Wir sind eine Community.“ Das bedeutet, dass es bei AfroRainbow Austria oder auch ARA, wie Henrie Dennis gerne sagt, keine Hierarchien gibt. „Alles wird kollektiv getan und unsere Priorität ist die Sichtbarkeit von LGBTQIs“, erklärt sie.

„Die Sichtbarkeit ist wichtig, denn die Zielgruppe ist groß“erzählt die Obfrau von ARA. „Man kann ja nicht sagen, wie viele wir sind“, sagt sie und deutet auf das beschlagene Fenster des Cafés, „aber schau einfach mal hinaus!“ LGBTQIs sind überall in der Stadt. Letztes Jahr hat AfroRainbow Austria ein Straßenfest veranstaltet. Rund 400 Menschen haben es besucht. „Aber die Zahlen sind vage“, erklärt Henrie Dennis. Richtig aktiv in der Organisation sind wahrscheinlich etwa 50, vielleicht 55 Menschen. So genau kann die Gründerin das nicht sagen, denn das ist nicht, worum es ihr geht. Schließlich ist ARA hauptsächlich eine Community. Hier steht das Gemeinsame im Vordergrund und nicht die Zahlen. Um das Gemeinsame zu stärken und um für Bewusstsein und Sichtbarkeit in der Gesellschaft zu sorgen, tut AfroRainbow Austria so einiges. Die Aktivitäten reichen von Peer Kommunikation über Workshops bis hin zu Diskussionsrunden und Podiumsdiskussionen. Aber auch Demonstrationen und Performances zählen zu den alltäglichen Tätigkeiten von AfroRainbow Austria und seinen Mitgliedern. Erst vor wenigen Wochen haben die Aktivist:innen für eine solche Vorführung einen Boxring aufgestellt, in dem mehrere LGBTQIs gekämpft haben. Mit Worten, versteht sich. Gegen Fantasien und Vorurteile, die andere Menschen LGBTQIs mit afrikanischer Herkunft entgegenbringen. Auch politisches Speeddating haben sie vorgeführt. Gleichzeitig arbeitet AfroRainbow Austria viel mit der Europäischen Union zusammen. Auch hier geht es um Themen wie Transparenz, um Rechte oder um das psychische Wohlbefinden von afrikanischen LGBTQIs. Die Inhalte, die Henrie Dennis und ihren Gleichgesinnten wichtig sind, finden über viele Wege in die Öffentlichkeit. Social Media ist da eine wichtige Plattform, aber auch offline, im Fernsehen, im Radio oder in schriftlichen Publikationen macht sich die Gruppe stark.

 „Erst wenn du die Existenz einer Gruppe bemerkst, fängst du an, sie ernst zu nehmen.“

„Unsere Sichtbarkeit ist uns sehr wichtig“, sagt die junge Frau. „Erst wenn du die Existenz einer Gruppe bemerkst, fängst du an, sie ernst zu nehmen.“ Und das Ernstnehmen ist erst der Anfang. Der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, das Genderbewusstsein, die richtigen Pronomen für Menschen zu verwenden, all das gehört zu den Zielen von AfroRainbow Austria. All das ist, wofür ihre Mitglieder innerhalb und außerhalb ihrer eigenen Community kämpfen.  Das  zielt dabei nicht nur auf die österreichische Gesellschaft ab, vor allem auch im Herkunftskontinent Afrika wird das immer noch gängige Thema von Homophobie adressiert. „Wir sind die Verbündeten“, sagt Henrie Dennis und bestellt zwischendurch schnell noch einen zweiten Kaffee. „Entschuldige, ich bin ein Kaffeejunkie“, lacht sie.

Obwohl AfroRainbow Austria vor allem eine Community ist, ist sie heute dennoch als Organisation registriert. „Wir mussten uns anmelden, weil wir Afrikaner:innen eine Community sind.  Die Gesellschaft reagiert angespannt, wenn sie zu viele Afrikaner:innen zusammen auf einem Fleck sieht“, hält Henrie Dennis fest. Also wurde ARA nach den ersten selbstorganisierten Meet and Greets unter Gleichgesinnten offiziell gemacht. Und wo haben die ersten Treffen stattgefunden?

Als Henrie Dennis neu in Österreich war, feierte sie gerne. „Eigentlich tue ich das immer noch“, lacht sie und nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Doch die Clublandschaft für Lesben in Wien war begrenzt. Und ihre Diversität erst recht. „Ich bin immer in denselben Club gegangen und habe schnell realisiert, dass ich die einzige Schwarze Person dort war. Nicht nur die einzige Schwarze Person afrikanischer Herkunft, sondern ganz allgemein die einzige Schwarze“, erinnert sich die Aktivistin zurück. Anfangs störte Henrie Dennis das nicht. Andere Sorgen wie etwa die, ob sie weiterhin in Österreich bleiben konnte, hatten Vorrang. Doch als ihr Aufenthaltsrecht geklärt war, war für Henrie Dennis Zeit, etwas zu tun. „Damals war ich auch in anderen Organisationen aktiv, die mir bis heute sehr wichtig sind“, erzählt sie. „Dort habe ich mit Freunden gesprochen, mit sehr guten Verbündeten. Ich habe ihnen erzählt, dass ich mich auf die Suche nach queeren Afrikaner:innen machen möchte.“ Schon lange hatte die Gründerin an verschiedensten Orten in Wien vereinzelte LGBTQIs mit afrikanischer Herkunft getroffen. Nur an der Gemeinschaft hatte es gefehlt. „Es war mir wichtig, eine Plattform zu gründen, um sich miteinander auszutauschen, um sich über Ungleichheiten zu beschweren und füreinander da zu sein“, erinnert sich die heutige Wienerin. Vor allem Neuankömmlingen in Österreich wollte sie dabei die Möglichkeit bieten,  Anschluss zu finden. Also sorgte Henrie Dennis für Vernetzung. Sie lief von Ort zu Ort, besuchte Plätze, an denen sie hoffte, Interessierte zu finden, setzte auf Mundpropaganda und lud zu der ersten Versammlung ein: ARA sollte ein Platz für gegenseitige Unterstützung sein, in einer Gesellschaft, in der man so oft auf Ablehnung stößt.

Copyright: Jolly Schwarz – https://www.facebook.com/JollySchwarzPhotography

Das ist AfroRainbow Austria auch heute noch und das ist ihrer Gründerin wichtig. „Wir können nicht für alles Lösungen finden“, sagt die Frau mit der Kappe auf dem Kopf langsam. „Aber wir versuchen, da zu sein. Das ist wichtig. Wir sind ein Ort, an dem Menschen nichts sein müssen. Hier musst du nur du selbst sein. Existieren“, fügt sie hinzu. Das ist die grundlegende Idee, für die Henrie Dennis’ Organisation existiert. Natürlich kommen Menschen mit spezifischen Anliegen, doch es geht vor allem darum, miteinander zu sein. Eine Gemeinschaft aufzubauen, in einer Welt, in der man sich so oft alleine fühlt. Weil man so oft in der Minderheit ist. „Ich bin eine nigerianische lesbische Frau. Eine Mutter. Eine Migrantin. Ich lebe in Österreich“, spricht Henrie Dennis und betont jedes ihrer Worte einzeln. „Meine Realität und die Realität von Menschen, die aussehen wie ich, muss wichtig sein. Das ist, warum ich mache, was ich mache.“ Dabei geht es nicht nur darum, anderen zu helfen. Was die Aktivistin tut, tut sie vor allem für sich selbst. „Und für die ungeborene Generation“, fügt Henrie Dennis hinzu. „Wir sitzen alle im selben Boot.“ Also tut Henrie Dennis, was Henrie Dennis tut. Auch wenn das, was sie tut, eigentlich Aufgabe des Staates wäre, wie sie betont. Auch wenn sie für das, was sie tut, kein Geld bekommt. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich mit einem anderen Job. Obwohl AfroRainbow Austria eigentlich ihr Hauptjob ist. Ein unbezahlter eben. Ihre Arbeit macht sie immer und überall. Persönlich und am Telefon. Unter der Woche in der U-Bahn und am Wochenende zu Hause. Nicht nur die Gründerin, auch ihre Mitstreiter:innen arbeiten so. „Wenn ich die Anzahl der Stunden, die wir investieren, aufschreiben würde, wäre der Staat gar nicht mehr in der Lage, uns zu bezahlen“, lacht die junge Frau.

Und was können wir tun? „Bleibt nicht leise, wenn ihr euch mit etwas unwohl fühlt“, antwortet die Gründerin. „Niemand erwartet, dass jemand, der immer in einem Glashaus gelebt hat, weiß, wie es ist, auf der Straße zu wohnen. Aber wenn euer Gefühl euch sagt, dass etwas falsch ist, dann handelt danach. Wir brauchen Verbündete, die handeln. Die ihre Meinung sagen. Niemand hat sich ausgesucht, geboren zu werden, wie er geboren wurde. Aber es ist unsere Verantwortung, uns der Macht, die wir verkörpern, bewusst zu sein. Und darüber, wie wir die Macht für jeden nutzen können“, spricht Henrie Dennis und stellt ihre Kaffeetasse auf dem hölzernen Tisch vor ihr ab. Dann malt sie Bilder von einer Welt, in der Gleichberechtigung nicht nur Illusion ist.  „Jede queere Person, jede transafrikanische Person, jede LGBTQI-Person, jede non-binäre Person. Jede non-binäre Person afrikanischer Herkunft. Jede Schwarze Person ist wichtig“, sagt sie laut. „Jede Schwarze Person ist wichtig“, sagt sie leise.

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Fotocredits: Jolly Schwarz

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