Portrait: Bea Winger

Ehrenamtliches Engagement ist für Bea Winger ein großer Bestandteil ihres Alltags. Zweimal in der Woche ist sie dafür bei der Wiener Lerntafel und arbeitet mit Kindern und Jugendlichen. Was sie antreibt und wieso sie nicht mit der Moralkeule durchs Leben geht, hat sie uns verraten.

„Ich mache das schon so lange, weil es mich noch kein einziges Mal genervt hat – es ist einfach immer schön.“ Wenn Bea Winger über ihr ehrenamtliches Engagement spricht, wirkt alles leicht. Kein erhobener Zeigefinger über gesellschaftliche Verpflichtung, keine Erwartung von Dankbarkeit oder das Bedürfnis nach Applaus – eine Frau, die das tiefe Verlangen verspürt, Menschen zu unterstützen, und das auch tut. Ganz selbstverständlich, ohne viel Aufregung. Ob Sachwalterschaften, Obdachlosenhilfe oder Lernhilfe – Bea Wingers Interessen scheinen unbegrenzt, so auch ihr Wille, Menschen zu helfen.

Der Wunsch nach ehrenamtlichen Engagement

In ihrem Brotberuf in der Wirtschaft ging es aber um etwas ganz anderes. „An und für sich habe ich Wirtschaft studiert und eine sehr gute Karriere gemacht, wo es Tag und Nacht nur darum ging, den höchstmöglichen Profit zu machen. Die Wirtschaft und Zahlen haben mich immer interessiert. Mein Job war mir nie mühsam. Ich habe das Glück gehabt, etwas zu finden, was für mich Job und Spaß war. Dann habe ich mit fünfzig beschlossen, eine Herausforderung zu suchen, die mich wirklich freut, und begonnen, mich sozial zu engagieren. Seit ich aufgehört habe, regulär zu arbeiten, begleitet mich der Wunsch nach diesem ehrenamtlichen Engagement“, klärt sie uns über ihren Werdegang auf. Aus einer Ärztefamilie kommend haben sie der soziale Gedanke und das soziale Engagement immer begleitet, auch weil dies in ihrer Familie stark verankert war. So hat sie vier Jahre lang bei der Vinzirast mit obdachlosen Menschen zusammengearbeitet und berichtet lachend, dass einige der Obdachlosen sie so mochten, dass sie sogar ihr Auto bewachten, während sie im Dienst war. Bea Winger betont, dass sie einfach gerne mit Menschen arbeitet und dass man in so einer Tätigkeit ja nicht nur gibt, sondern auch viel zurückbekommt. Klingt abgedroschen, ist es aber nicht. Besonders aus dem Mund von Bea Winger. Ein ständiges Lächeln und eine Leichtigkeit des Seins – die Ehrenamtliche spricht Lebensweisheiten nebenbei aus, ohne es wirklich zu beabsichtigen. So verwundert es auch nicht, dass es nicht nach Moralkeule klingt, wenn sie sagt: „Wir leben in Österreich – in diesem genialen und herrlichen Land, wo wir so sicher leben. Jeder Mensch hat eine Art von sozialer Verantwortung, beziehungsweise sollte sie haben – das wäre schön. Wenn er keine Zeit hat, soll er sich mit Geld engagieren, und wenn er Zeit hat, sich persönlich einbringen – das finde ich wichtig. Ich habe in meinem Leben immer sehr viel Glück gehabt und dieses Glück möchte ich weitergeben.“ Zurzeit gibt sie es an zwei Personen mit Behinderung weiter, für die sie die Sachwalterschaft übernommen hat, und zweimal in der Woche ist sie bei der Wiener Lerntafel, wo sie mit Kindern und Jugendlichen lernt.

Von der Kunst auf Kinder einzugehen

Das Angebot der Wiener Lerntafel hat sie schon lange, bevor sie selbst dort angefangen hat, gekannt. Doch bevor sie ihr Engagement gestartet hat, hieß es erst einmal, mit dem Ziehsohn zu lernen. Und als der ihre Hilfe nicht mehr gebraucht hat, ist sie zur Lerntafel gekommen. Dort ist Bea Winger nun zweimal in der Woche sechs Stunden lang. Besonders die flexible Zeiteinteilung und die professionelle Organisation der Wiener Lerntafel weiß sie dabei zu schätzen. Helfen und Wissen weiterzugeben, wird hier leicht gemacht, betont sie. In Einzelstunden lernt sie dann mit Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und vierzehn Jahren. Besonders viel Freude bereitet Bea Winger dabei, dass sie nicht nur ein Kind betreut, sondern meist jede Woche neue Schülerinnen und Schüler kennenlernt und flexibel „auf einen kleinen Menschen eingehen muss“, wie sie zusammenfasst. „Manchmal kommen sie und sind sehr müde von der Schule oder unwillig, weil sie lieber Fußball spielen wollen. Dann versuche ich den spielerischen Zugang, indem ich mir vorher einfach ein bisschen erzählen lasse und sage, wenn sie jetzt ganz toll lernen, dann hören wir fünf Minuten früher auf. Für mich ist es immer der größte Erfolg, wenn ein Kind negativ oder traurig kommt und dann auf die Uhr schaut, sich wundert, dass die Stunde vorbei ist und dann fröhlich lachend geht. Ich will einfach auf die Kinder eingehen. Ich komme her, weil ich weiß, hier kann ich meine Zeit effizient verbringen, kann was da lassen und was mitnehmen.“

Zehn Kniebeugen machen, um den Kopf freizubekommen, oder ein Rechenduell – jedes Kind braucht etwas anderes und Bea Winger versucht individuell, auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Wichtig ist ihr dabei, ihnen mitzugeben, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn sie etwas nicht können oder nicht gleich verstanden haben. Denn dafür sind sie und ihre ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen da und haben Zeit und Raum, Fragen genauer zu behandeln. Für das Thema Bildung hat Bea Winger sich ganz bewusst entschieden. Politisieren will sie nicht, aber trotzdem sieht sie viele Fehler, die man in Österreich im Kontext mit Bildung gemacht hat. Doch auch hier will die ehrenamtliche Lernhelferin das Positive sehen. Besonders die scheinbar ungebremste Energie und die Lebenslust der Kinder reizt sie an ihrer Tätigkeit. „Der Spaßfaktor ist für mich immer wichtig, weil ich gerne lebe. Ich lebe gerne voll und ich lebe gerne intensiv und deswegen ist es doch schön, wenn man versucht, möglichst viele positive Dinge an einem Tag zu erleben“, fasst sie ihre Motivation zusammen. Sollte sie einmal nicht gut drauf sein, würde sie deswegen auch für eine Woche aussetzen, wie sie sagt. Vorgekommen ist dies jedoch noch nicht. Wenn sie in Wien ist, steht sie deswegen auch wöchentlich vor den Türen der Wiener Lerntafel und wartet auf die großen und kleinen Herausforderungen, die in den kommenden Stunden auf sie zukommen. Dankbarkeit erwartet sie aber keine. „Ich komme her, um etwas zu geben, und wenn ich etwas zurückbekomme, dann freue ich mich.“ 

Soziales Engagement kennt kein Alter

Wichtig ist es Bea Winger zu betonen, dass ihre Schülerinnen und Schüler kein Manko an Liebe haben, sondern oft aus Familien stammen, wo sie sehr behütet sind. Lediglich die Unterstützung beim Lernen fehlt. Diese bekommen sie bei der Lerntafel von rund 220 ehrenamtlichen Lernhelferinnen und Lernhelfern. Studierende, Berufstätige, Arbeitssuchende, Pensionistinnen und Pensionisten – die Hintergründe der Ehrenamtlichen der Wiener Lerntafel sind bunt und vielfältig. „Ich glaube, es gibt einfach Menschen, die sich gerne einbringen. Das hat keine Altersgrenze, sondern hat etwas mit deiner Persönlichkeit zu tun. So wie ich mich wundere bei manchen jungen Leuten, dass sie überhaupt kein Bedürfnis haben, sich einzubringen, ist es doch wunderschön, dass andere sagen, dass sie zwar nur einen Nachmittag Zeit haben, aber da dann zwei Stunden kommen. Das finde ich ganz toll. Das finde ich ja viel bewundernswerter als in unserem Alter, wenn ein junger Mensch sagt, er möchte sich einbringen.“ Und weil Bea Winger noch zwei freie Vormittage in der Woche hat, ist sie bereits auf der Suche nach einer zusätzlichen Organisation, bei der sie sich noch engagieren kann.

Wach und alert bleiben!

Frustriert oder verärgert, dass sich andere nicht engagieren, ist sie dabei aber nicht. „Ich finde, das ist nicht etwas, was man bei einem anderen kritisieren darf. Jeder lebt sein Leben, wie er es lebt – solange er das in der gesellschaftlichen Ordnung tut, ist es fein. Aber ich würde nie jemanden maßregeln oder schlechter beurteilen, weil er es nicht macht. Ich finde es traurig, aber mehr nicht.“ Dass sie sich für ein ehrenamtliches Engagement entschieden hat, hat einen ganz persönlichen Hintergrund. Sie wollte im Alter nicht hart werden und deswegen arbeitet sie an ihrer Gelassenheit, wie sie lachend berichtet. „Wo bleibt denn dann die eigene Fröhlichkeit und was willst du den anderen weitergeben, wenn du selbst frustriert bist? Ich bin noch nicht müde! Es ist ein persönliches Glück, dass ich mir Zeit nehmen kann. Es ist ein Lieferant von Energie. Das kann ich nur jedem empfehlen: Engagier dich irgendwo und du wirst nicht lasch, weil du immer mit neuen Situationen konfrontiert bist und du immer wach und alert bleiben musst!“ Und hier schließt sich der Kreis. Wenn Bea Winger über das Leben und Gelassenheit spricht, wirkt das so einfach und plausibel.

Mehr Infos auf: www.lerntafel.at

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