Portrait: Martin Wurz

Im neunerhaus Gesundheitszentrum werden obdach- und wohnungslose Personen sowie Menschen ohne Versicherung von einem Team aus praktischen Ärzt:innen, Zahnärzt:innen, Krankenpfleger:innen und Sozialarbeiter:innen versorgt. Einer dieser Ärzte ist Martin Wurz, der seit dem Jahr 2019 die Arztpraxis leitet.

Weiße Wände, moderne Einrichtung und der Schriftzug „du bist wichtig“ – im neunerhaus Gesundheitszentrum werden die Patient:innen nicht nur durch ein engagiertes Team, sondern auch durch ein modernes helles Ambiente begrüßt. Auf den ersten Blick unterscheidet die Ordination nichts von einer herkömmlichen Arztpraxis. Ins Gesundheitszentrum kommen jedoch wohnungs- und obdachlose Menschen sowie Menschen ohne Krankenversicherung, denen der Zugang zu einer adäquaten medizinischen Versorgung sonst verwehrt bleiben würde. Dass auch sie genauso versorgt werden, dafür sorgen Martin Wurz und seine Kolleg:innen. Das Zentrum vereint eine Arztpraxis, eine Zahnarztpraxis und soziale Arbeit interdisziplinär unter einem Dach. Diese Zusammenarbeit ist nicht nur essenziell für den Ansatz, den neunerhaus vertritt, sondern macht auch seine tägliche Arbeit so spannend, wie Martin Wurz von seinem Alltag berichtet.

„Wir beleuchten in den Teamsitzungen die Fälle aus verschiedenen Perspektiven, damit unsere Arbeit möglichst ganzheitlich ist. Wir bemühen uns immer um Qualität vor Quantität“, erzählt er vom intensiven Austausch der verschiedenen Fachrichtungen, die hier Hand in Hand arbeiten. „Ich bin gerne in einem Team, mit dem ich mich fachlich unterhalten kann. Teamarbeit ist wertvoll, das macht einen auch sicherer in der Arbeit. Es ist wichtig, dass man nicht allein ist – das finde ich schön“, führt er den interdisziplinären Ansatz weiter aus. In die Praxis kommen obdach- und wohnungslose Menschen genauso wie Personen, die keine Krankenversicherung haben, weil sie beispielsweise arbeitslos sind und eine Meldefrist verpasst haben, einen abgelehnten Asylbescheid haben oder keine Sozialhilfen beziehen, sich aber keine Selbstversicherung leisten können. Neben medizinischen Akutfällen sind Martin Wurz und seine Kolleg:innen ganz ,normale‘ Hausärzt:innen, die ihre Patient:innen regelmäßig betreuen. „Wir sind nicht nur eine Krisenanlaufstelle, sondern wir sind auch der Hausarzt, der chronische Krankheiten begleitet und regelmäßig Blutdruckpulver aufschreibt.“ Zu den Zuständigkeiten als Praxisleiter gehört es auch, Dienstpläne zu erstellen und externe Therapien wie notwendige Operationen mit Kooperationspartner:innen zu organisieren. Gemeinsam mit dem Netzwerk wird dann versucht, die schnellste und beste Lösung für die Patient:innen zu finden. Das ist nicht immer einfach und auch Corona hat hier vieles herausfordernder gemacht, wie der Leiter berichtet. „Die Maßnahmen machen das Angebot hochschwelliger und es wird immer schwieriger, dass die Menschen zu einer adäquaten Behandlung kommen“, berichtet er von den täglichen Herausforderungen.

„Ich würde mir wünschen, dass es unmöglich ist, dass ein in Österreich lebender Mensch ohne Gesundheitsversorgung dasteht, und dass unser Konzept gar nicht notwendig wäre.“ 

Dass er als Arzt seine Patient:innen ein Stück ihres Weges begleiten kann und dadurch auch viele Schicksale hautnah miterlebt, empfindet er als Privileg seines Berufs. „Es ist wichtig, die Leute abzuholen und sie ernst zu nehmen, auch wenn man nicht alle Probleme lösen kann“, berichtet er vom Umgang mit besonders harten Schicksalen. Hier einen Mittelweg zwischen Empathie und Überfürsorge zu finden, sieht er als essenziell an, um seinen Patient:innen die bestmögliche Behandlung zukommen lassen zu können. Doch neben den vielen Herausforderungen überwiegen die schönen Momente, wie er unterstreicht. Am meisten Freude bereitet ihm seine ärztliche Kernarbeit, unter anderem, weil mit dem Netzwerk von neunerhaus so viel möglich gemacht werden kann. Besonders in Erinnerung ist ihm eine Patientin ohne Versicherung geblieben, die eine Hepatitis C-Behandlung gebraucht hat. Diese ist jedoch kostenintensiv und ohne Versicherung unmöglich. Durch Medikamentenspenden haben Martin Wurz und sein Team die Therapie aber trotzdem möglich gemacht. Die Freudentränen und das Lachen seiner Patientin sind ihm bis heute im Gedächtnis geblieben. Martin Wurz und seine Kolleg:innen bieten mit ihrer Arbeit dabei viel mehr als nur eine medizinischen Betreuung, denn die körperliche Gesundheit ist oft eine zentrale Voraussetzung, damit vielen ihrer Patient:innen der Weg aus prekären Lebenssituationen gelingt. Blickt er in die Zukunft, hat er einen klaren Wunsch: „Ich würde mir wünschen, dass es unmöglich ist, dass ein in Österreich lebender Mensch ohne Gesundheitsversorgung dasteht, und dass unser Konzept gar nicht notwendig wäre.“ Ihren Beitrag leisten Martin Wurz und seine Kolleg:innen jeden Tag aufs Neue – auch morgen, wenn sich die Türen zur Ordination wieder öffnen.

Mehr Infos auf der Website von neunerhaus!

Fotocredits: Christoph Liebentritt

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